Elefanten- und Seehundnachwuchs drückt die Schulbank

Musterschüler trotz Abgucken: Elefant Minh-Tan und Seehund Fenja haben seit einigen Wochen Unterricht im „Medical Training“. Das Training vereinfacht mögliche medizinische Untersuchungen und die Pflege der Tiere. Beide Jungtiere lernen mit viel Eifer und Freude und schauen sich dabei viel von ihren Familienmitgliedern ab.

„Medical Training“ heißt der Unterricht, den der acht Monate alte Elefantennachwuchs Minh-Tan und das nur drei Tage jüngere Seehundweibchen Fenja seit einigen Wochen absolvieren. „Das medizinische Training machen wir, um medizinische Untersuchungen zu vereinfachen“, erklärt Andreas Wulftange, wissenschaftlicher Kurator im Zoo Osnabrück.

Generell funktioniere das Training nur auf freiwilliger Basis. Die Tierpfleger lernen mehrmals in der Woche mit ihren Zöglingen kleine „Kommandos“, bei denen diese beispielsweise ihr Maul öffnen. Maul- und Zahnuntersuchungen können so stressfrei und einfach durchgeführt werden. Das Training läuft immer nach dem gleichen Prinzip ab: Die Tierpfleger sagen erst das Kommando, zeigen bei manchen Kommandos in die gewünschte Richtung und wenn es vom Tier umgesetzt wurde, folgen ein Pfeifen oder Klicken als Bestätigung sowie eine Leckerei zur Belohnung. Zeigt das Tier nicht die gewünschte Umsetzung, wird es lediglich ignoriert und es gibt kein Leckerli. Im Zoo Osnabrück trainieren die Tierpfleger mit den Asiatischen Elefanten, Seehunden und Seelöwen. Jungtier Minh-Tan und Fenja zeigen sich dabei als wahre Musterschüler.

„Bei Seehundnachwuchs Fenja konnten wir mit dem Medical Training starten, als sie eigenständig Fisch fressen konnte“, berichtet Cathi George, Auszubildende zur Zootierpflegerin. Beim Medical Training wird mit einem „Target“, also einem Ziel gearbeitet. Im Zoo Osnabrück nutzen die Tierpfleger dafür einen längeren Stock mit einem flachen Aufsatz am Ende. Erst einmal muss man die Tiere an dieses Target gewöhnen. „Bei neuen Gegenständen sind sie zunächst skeptisch, daher haben wir den Stock erst neben uns und dann immer näher an Fenja gelegt. Damit sie sich auf das Training und mich konzentriert, soll sie mit der Nase den Aufsatz berühren und dann still liegenbleiben“, erklärt George weiter. „Wenn sie das macht, pfeife ich mit einer Pfeife und sie bekommt einen leckeren Hering.“

Mittlerweile können die Tierpfleger Fenja am ganzen Körper abtasten und ihre Vorderflossen heben. Für eventuell notwendige Augenspülungen mussten die Tierpfleger den Seehund zuerst an die Spülflasche gewöhnen. Auch die Flasche legten sie erst einmal neben sich und bei jedem Training ein bisschen näher an Fenja. Als diese sich an die Flasche gewöhnt hatte, trainierten sie mit ihr ihren Körper abzuspülen und arbeiteten sich bis zum Gesicht vor. „Fenja macht wirklich toll mit und hat sichtlich Spaß am Training – sonst würde sie kein Interesse daran zeigen. Sie schaut auch ganz interessiert zu, wenn ich mit ihren Eltern Max und Biene trainiere“, freut sich George.

Bei den Seehunden seien die meisten Übungen damit verbunden, still liegen zu bleiben. „Um Fenja Abwechslung zu bieten und damit sie sich ein bisschen ‚auspowern‘ kann, stehen auch ‚Spaßübungen‘ auf dem Programm“, schmunzelt Cathi George. Die angehende Tierpflegerin wirft beispielsweise einen Ball ins Wasser, den Fenja zurückbringen soll. Außerdem übt sie mit dem jungen Seehund den Sprung durch einen Reifen. „Diese Übungen benötigen wir nicht für medizinische Untersuchungen, aber die Tiere haben Spaß daran. Außerdem sehen wir daran, wie sie mitmachen, wie es ihnen geht und ob sie gut drauf sind.“ Wer Fenja bei ihrem Training beobachten will, sollte sie bald im Zoo besuchen, denn in Kürze zieht sie in einen anderen Zoo um.

Der Asiatische Elefant Minh-Tan hatte Anfang Februar seine erste Unterrichtsstunde. „Wir fingen ganz einfach an und steigerten uns nur langsam – schließlich ist das wichtigste, dass die Tiere Spaß am Training haben und nicht überfordert werden“, berichtet Andreas Wulftange. Zu Beginn riefen die Tierpfleger lediglich nach Minh-Tan und wenn er kam, gab es zur Belohnung Leckereien. „Uns spielt beim Training in die Karten, dass Douanita eine sehr entspannte Mutter und Minh-Tan sehr aufgeweckt ist“, freut sich Wulftange. Die zweite Lektion für den jungen Bullen hieß „Target“. Auch bei Minh-Tan legten die Tierpfleger das Target erst neben sich, um ihn an den neuen Gegenstand zu gewöhnen. Anfangs war ihm der Stock mit Tennisball nicht geheuer, aber schließlich verstand er, dass das Target harmlos ist und berührte es im nächsten Schritt mit der Stirn. „Damit er schnell ein Erfolgserlebnis hatte, hielten wir den Tennisball nah vor seine Stirn. Es dauerte nicht lange, da verstand er, was wir gerne wollen, und legte seine Stirn daran“, so der Biologe.

Die nächste Lektion war dann schon schwieriger: „Rangu“. Bei diesem Kommando hebt der Elefant seinen Rüssel, legt ihn an die Stirn und kippt den Kopf in den Nacken. „Diese Bewegung brauchen wir zum Beispiel, um die Temperatur zu messen oder für die Mundkontrolle. Auch für mich war es eine Herausforderung, wie ich Minh-Tan das am besten beibringe – er weiß ja erst einmal nicht, was ich von ihm erwarte und die Bewegung ist komplex“, so Wulftange. Der Biologe hob das Leckerli so, dass Minh-Tan den Rüssel für „Rangu“ hob. Dann betätigte er einen Klicker, um mit dem Geräusch zu zeigen „richtig gemacht“, und Minh-Tan bekam sein Leckerli. Erst später trainierte er den zweiten Teil der Übung, das Kippen des Kopfes. „Mittlerweile kann Minh-Tan ‚Rangu‘ schon ganz gut“, freut sich Wulftange. „Wir lernen parallel verschiedene Kommandos – die bekannten und immer nur ein neues. Minh-Tan kann zum Beispiel auch schon ‚Lift‘, also seine Vorderbeine auf das Gitter am Tor stellen. Das ist hilfreich für die Fußpflege. ‚Lift‘ für die Hinterbeine haben wir noch nicht geübt. Aber Minh-Tan macht toll mit und man kann sagen, dass er ein wahrer Musterschüler ist.“

Während Andreas Wulftange mit dem Elefantennachwuchs trainiert, beschäftigt ein Tierpfleger Mutter Douanita mit eigenem Training. „Würden wir Douanita nicht parallel trainieren, würde sie direkt neben Minh-Tan stehen und mir auch alle Bewegungen anbieten. Den Elefanten macht das Training Spaß und daher wollen sie auch dann mitmachen, wenn eigentlich ein anderer trainiert – außerdem sind die Pellets, die es als Leckerli gibt, sehr verlockend.“ Während des Trainings sind die Elefanten in durch Gitter abgetrennten Boxen und die Pfleger bewegen sich davor. Wenn die Mitarbeiter mit Schwester Sita trainierten, nutzt Minh-Tan die Chance, um abzugucken: „An dem Gitter zwischen Minh-Tan und Sita ist eine Öffnung, durch die die Elefanten uns sonst ihre Füße zeigen. Minh-Tan steckt seinen Kopf dadurch, um das Training bei Sita ganz genau zu beobachten. Vielleicht ist er deswegen auch schon so gut im eigenen Training“, schmunzelt Wulftange.

Besucher können Minh-Tan und Fenja an den Ostertagen zu den regulären Öffnungszeiten (8 bis 18:30 Uhr, letzter Einlass 17:30 Uhr) besuchen. Während der Ferien sind die Zoopädagogen täglich im Einsatz, um an verschiedenen Tieranlagen Spannendes zu den Tieren zu berichten – beispielsweise um 10:40 Uhr und 15:30 Uhr bei den Seehunden. Alle Zeiten und Orte finden Besucher im Internet unter www.zoo-osnabrueck.de oder erhalten eine Programmübersicht an der Zookasse.

Foto: Zoo Osnabrück (Svenja Vortmann),