Zugezogener Orang-Utan Damai beobachtet aus dem Hintergrund

Neues aus dem „Orang-Utan Dschungeltempel“ im Zoo Osnabrück

Seit Ende November lebt ein dritter Orang-Utan im Zoo Osnabrück: Männchen Damai. Doch die wenigsten konnten ihn schon kennenlernen, denn bislang hält er sich lieber im Hintergrund auf und erkundet erst seit kurzem ab und zu sein neues Zuhause. Währenddessen musste Orang-Utan Weibchen Astrid in die Tierklinik.

„Anfangs gingen wir davon aus, dass Damai sehr schüchtern ist, denn er versteckte sich in seinem separaten Innengehege unter einem großen Berg Holzwolle und kam nur raus, wenn kein Tierpfleger in Sichtweite war“, berichtet Tobias Klumpe, wissenschaftlicher Kurator im Zoo Osnabrück. Nur dadurch, dass Damais Futter und Trinken verschwunden war, wussten die Tierpfleger, dass Damai sich doch manchmal bewegt.

Damit der 14jährige Orang-Utan sich gut einleben kann, tauschen sich die Mitarbeiter mit den Kollegen aus den Zoos Rhenen und Sóstó aus, in denen der rothaarige Menschenaffe zuvor gelebt hatte. Auch mit dem Zuchtbuchkoordinator für Orang-Utans des Europäischen Erhaltungszuchtprogramms (EEP) der europäischen Zoos und dem Veterinäramt vor Ort steht der Zoo in engem Kontakt. Zusammen beraten sie über das weitere Vorgehen, damit sich Damai in Osnabrück möglichst schnell wohl fühlt. „Anfangs war der Dschungeltempel für Besucher geschlossen, damit Damai sich in Ruhe einleben kann.

Als er aber keine Anzeichen machte, aktiver zu werden, wollten wir ihm nach Rücksprache mit den verschiedenen Kollegen mehr Impulse bieten. Deswegen öffneten wir nach etwa zwei Wochen die Außentüren des Besucherbereichs des ‚Dschungeltempel‘. Besucher konnten zwar noch nicht hinein, aber Damai konnte sie draußen beobachten. Zusätzlich gingen wir mit unbekannten Kollegen in das Menschenaffenhaus, um Damais Neugierde zu wecken“, beschreibt Klumpe die weiteren Schritte. Vor etwa vier Wochen öffneten die Tierpfleger erstmals die Schieber an seinem Innengehege nach draußen und Damai ging am zweiten Tag in den Außenbereich. „Die ersten Male kletterte er weit nach oben und schaute sich alles von dort an. Mittlerweile untersucht er sein neues Zuhause ganz genau“, so der gelernte Tierpfleger und Biologe.

Besonderer Charakter
Vor etwa zehn Tagen trat der Menschenaffe dann stärker in Kontakt mit den Tierpflegern, erklärt der Kurator. „Er hat von sich aus das angeboten, was er in den anderen Zoos beim sogenannten medizinischen Training gelernt hat: Hände, Füße, Schultern zeigen und den Mund öffnen, damit man sein Gebiss prüfen kann. Das war ein toller Fortschritt und mittlerweile können wir ihn sogar anfassen,“ freut sich Klumpe. „Allerdings haben wir nun den Eindruck, dass Damai sich anfangs bewusst zurückgehalten hat, um erst einmal alles zu beobachten. So schüchtern scheint er doch gar nicht zu sein“, schmunzelt Klumpe. Dennoch zieht sich Damai immer wieder zwischendurch zurück und ist dann auch wieder länger nicht zu sehen.

Kontakt zu Osnabrücker Orang-Utans Buschi und Astrid
Neben Damai leben noch zwei weiter Orang-Utans in Osnabrück: Buschi und Astrid. Bislang lernte der neue Zoobewohner den männlichen Orang-Utan Buschi, der seit seiner Geburt 1971 im Zoo Osnabrück zuhause ist, nur über Kontaktgitter kennen. „Orang-Utans sind extrem stark und recht territorial – daher ist es immer wichtig, dass sie sich erst ‚geschützt‘ kennenlernen“, betont Klumpe. Bei Weibchen Astrid gingen die Zoomitarbeiter schon eine Stufe weiter: Astrid und Damai durften sich bereits direkt kennenlernen. „So ein Zusammentreffen verläuft recht ungestüm: Die beiden Menschenaffen riefen dabei laut und bauten sich voreinander auf, um ihre Revieransprüche kundzutun“, erklärt Klumpe.

Weibchen für Damai
Doch Astrid und Damai werden kein Zuchtpaar bilden. Für Damai soll im Frühjahr das 12 Jahre alte Weibchen Dayang aus dem niederländischen Zoo Appeldoorn an den Schölerberg ziehen – so wurde es vom EEP-Koordinator, der die Nachzucht der Orang-Utans in den europäischen Zoos wissenschaftlich betreut, empfohlen.

Der Zoo Osnabrück war von diesem gebeten worden, das neue, genetisch sehr wichtige Paar bei sich aufzunehmen, da die kürzlich vergrößerte Orang-Utan Anlage dies ermögliche. „Dayang kommt erst später, weil ein Weibchen in ihrer Gruppe Nachwuchs bekommen hat und wir wollten gerne, dass sie bei ihr noch die Jungenaufzucht beobachten kann, um daraus zu lernen. Dann wird es Dayang leichter fallen ein eigenes Jungtier zu versorgen“, erläutert Zoodirektor Prof. Michael Böer das Vorgehen. „Mit der Vergesellschaftung von Damai und dem niederländischen Orang-Utan-Weibchen schaffen wir eine günstige Ausgangslage für die angestrebte weitere Vergesellschaftung mit Buschi und Astrid.“ Das große Ziel sei es, dass sich der Zoo Osnabrück aktiv mit Jungtieren an der Nachzucht beteiligen kann, schließlich gelte der Borneo-Orang-Utan laut Weltnaturschutzorganisation IUCN als „vom Aussterben bedroht“, betonte Böer.

Wissenschaftlich fundierte Beobachtungen
Der wichtige Auftrag für die Zoos und in diesem Falle für den Zoo Osnabrück ist jedoch nicht ohne Risiko. Die Integration von Orang-Utans in eine bestehende Gruppe sei eine besondere Herausforderung, wie Zoodirektor Böer berichtet „Es gibt nur noch eine geringe Anzahl an Orang-Utans in Zoos, denn die Auflagen zur Haltung sind inzwischen sehr hoch und sehr kostspielig. Deswegen passiert es eher selten, dass sie umziehen – die Erfahrungswerte sind also begrenzt.

Auf jeden Fall muss der Orang-Utan erst sein neues Zuhause kennenlernen, Tier und Pfleger sich erst ganz vorsichtig aneinander gewöhnen und auch die Abstimmung mit Behörden, Ämtern und Partnern wie Universitäten ist nicht zu unterschätzen.“ So machen sich alle Beteiligten viele Gedanken über jeden nächsten Schritt und tauschen sich eng untereinander aus. Orang-Utan Damai hatte sogar schon vor seiner Ankunft in Osnabrück eine Decke von Buschi bekommen, um so den Geruch des Osnabrücker Männchens kennenzulernen. Die Eingewöhnung wird vom Fachteam des Zoos in Kooperation mit der Universität Osnabrück, Arbeitsgruppe Ethologie, Prof. Chadi Touma, und der Freien Universität Berlin, Arbeitsgruppe Vergleichende Entwicklungspsychologie, Dr. Linda Ona, sowie dem Veterinäramt wissenschaftlich begleitet. So beobachten Studenten Damai täglich für mehrere Stunden im Rahmen wissenschaftlich fundierter Arbeiten und protokollieren sein Verhalten, um so eine fundierte Basis für die nächsten Entscheidungen zu haben.

Orang-Utan Astrid in tierärztlicher Behandlung
Unabhängig von der Ankunft von Damai musste das 35 Jahre alte Orang-Utan Weibchen Astrid seit letztem Frühjahr mehrmals behandelt werden, wie Zoodirektor Prof. Michael Böer berichtete: „Astrid hatte sehr plötzlich eine hochgradige Umfangsvermehrung im Bauchbereich bekommen, sodass wir sie lieber untersuchen wollten. Dabei fanden wir einen großen, bösartigen Tumor im Becken am Eierstock, der daraufhin entfernt wurde.“ Im September stellten die Tierärzte dann eine Kehlsackentzündung bei ihr fest, sodass sie im Dezember erneut behandelt werden musste. „Wir entfernten durch eine chirurgische Eröffnung des Kehlsacks das Sekret.

Die Behandlung war soweit erfolgreich, allerdings ist es aus Erfahrung anderer Kollegen recht wahrscheinlich, dass die Entzündung erneut auftritt“, so Böer. Im Januar erfolgte ein Kontrolltermin für beide Erkrankungen – zur großen Erleichterung aller ohne weitere Auffälligkeiten. Für derartige Eingriffe arbeitet der Zoo unter anderem mit dem Tiergesundheitszentrum Grußendorf in Bramsche zusammen. „Im Moment geht es ihr soweit gut, sie frisst gut und ist sehr aufmerksam, allerdings ist sie konditionell nicht auf der Höhe und kommt schnell aus der Puste“, beschreibt Böer. Die Zoomitarbeiter beobachten Astrid weiterhin sehr genau und sie erhält verschiedene Vitamine und Aufbaumittel.

Wer in den nächsten Wochen in den Zoo Osnabrück kommt, kann also mit ein bisschen Glück Damai auf der Außenanlage beobachten. Seine neue Partnerin Dayang wird voraussichtlich im späten Frühjahr nach Osnabrück reisen.

Zum Bild:
Orang-Utan Damai lebt sich langsam im Zoo Osnabrück ein. Das Weibchen Dayang aus den Niederlanden soll im Frühjahr folgen.
Bildquelle: Zoo Osnabrück (Lisa Josef)